Wie „Poldi“ ein Lächeln auf Linas Lippen zaubert

|   Neustadt

NEUDORF. (lst) Lina (Name geändert) ist fünf Jahre alt. Der Reithelm sitzt auf ihrer bunten Mütze, die Zügel hält sie fest in ihren beiden kleinen Händen. Zunächst schaut sie noch etwas unsicher drein, dann lacht sie. Das englische Shire Horse namens „Poldi“ – ungefähr viermal so hoch wie das kleine Mädchen – bleibt völlig cool. Es bewegt sich langsam nach vorne. Linas Lächeln verwandelt sich zu einem breiten Grinsen. „Die Wirkung der Pferde auf Kinder ist unglaublich“, weiß Jasmin Kellermann.

Die Neudorferin und ihr Mann Toni stehen hinter den „Pferdehelden“, einer tiergestützten Pädagogik. Eine Einrichtung, die es unter diesem Namen seit drei Jahren gibt, wobei die beiden schon seit über acht Jahren Pferde für ihre Klienten einsetzen. Die Idee für dieses Konzept entstand dabei eigentlich eher zufällig: „Meine Frau und ich hatten privat Pferde, zwei Shire Horses, die von Haus auf einen sehr gutmütigen Charakter besitzen, aus England geholt“, erinnert sich Toni Kellermann.

Bedingt durch seinen Job als Geschäftsführer beim Sozialkompetenz Zentrum Oberpfalz (SKTO), einer Institution, die in der ambulanten Kinder- und Jugendhilfe im Einsatz ist, ergab es sich, dass er mit seinen verhaltensauffälligen Kinder und Jugendlichen die eigene Reitanlage besuchte, damit diese aus ihrem bislang typischen Umfeld raus kommen. „Enge Zimmer zuhause bei unseren Klienten sind einfach kein angenehmer Rahmen, um Probleme oder andere Sachen zu besprechen“, weiß Toni Kellermann.

Die Reitanlage biete daher das bessere Umfeld. „Dort haben wir die Freiheit, einfach mal die Füße hochzulegen, oder durch das Putzen der Pferde, das Reiten, das Spazierengehen mit den Pferden, unangenehme Sachen in freier Natur oder im Reiterstüberl zu besprechen“, erklärt Jasmin Kellermann. So könne man mit den Kindern und Jugendlichen in aller Ruhe oder beim gemeinsamen Grillen viel besser ins Gespräch kommen.

Ein Ansatz, der sich sehr schnell gut bewährt habe. Denn auch zum Vertrauensaufbau würden sich die Pferde wunderbar eignen, da sie eine direkte Rückmeldung geben. Das Selbstvertrauen der Kinder und Jugendlichen werde, wie bei der vierjährigen Lina, durch die Arbeit mit Pferden enorm gestärkt. Die Idee für die „Pferdehelden“ war somit geboren. Doch was genau steckt hinter dem Namen „Pferdehelden“? „Für das Kind ist das Pferd der Held, und für die Pferde sind die Kinder die Helden, da sie gestreichelt und geliebt werden“, so simple ist laut Toni Kellermann der Ansatz.

Als besonders geeignet für die Arbeit haben sich, wie erwähnt, die Pferde herauskristallisiert. „Wir haben einen Kaltblüter, ein Shire Horse mit über zwei Meter Stockmaß, ein tschechisches hochqualifiziertes Warmblut mit Turniererfahrung  sowie ein deutsches Reitpony. Unsere anderen beiden Pferde stehen an einem anderen Standort“, erzählt Toni Kellermann. Die fünf Schulpferde haben 24 Stunden Zugang zu den Koppeln. „Wir setzen auf sehr erfahre Pferde in allen Bereichen“ ergänzt Jasmin Kellermann.

So entstand nach und nach die tiergestützte Pädagogik, für die das SKTO-Team nach Absprache mit dem zuständigen Jugendamt die Reitanlage der „Pferdehelden“ für die oben genannten Aktivitäten nutzen darf. Wichtig dabei: „Wir bieten kein therapeutisches Reiten an, da wir diese Qualifikation nicht haben. Durch unsere pädagogische Ausbildung und unseren langjährigen Erfahrungsschatz knüpfen wir aber an die tiergestützte Pädagogik an“, sagt Toni Kellermann, der aber plant, in absehbarer Zeit einen Reit-Therapeuten zu beschäftigen.

Bei den „Pferdehelden“ können Kinder ab fünf Jahren Reitstunden nehmen bis hin zum Rentner. Der älteste Reitschüler ist 65 Jahre. „Wir haben zudem Hausfrauen-Reiten im Angebot“, sagt Jasmin Kellermann. Dabei geht es am Sonntag für die Mamas raus in den Wald, um so abzuschalten und den Kopf frei zu bekommen. Ebenso sind Einzel- und Gruppenstunden oder kostenloser Theorieunterricht, um dem Partner „Pferd“ gerecht zu werden, möglich. Auch Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen reiten bei den „Pferdehelden“.  

„Wir sind bemüht, damit wir diese Leistungen künftig über die Krankenkassen abrechnen können“, so Toni Kellermann abschließend. Sowie bei Lina, die nach den ersten Runden mit „Poldi“ in der Paddock laut juchzt, sich ungemein freut, das Shire Horse streichelt und gar nicht mehr runtersteigen will.

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Die kleine Lina genießt das Reiten auf „Poldi“, dem englischen Shire Horse, das viermal so hoch wie das Mädchen ist. (Foto: © privat)
(Foto: © privat)
Foto: © lst
Auch auf dem Rücken des Reitponys fühlen sich die Kinder, hier unter der Führung von Jasmin Kellermann (r.), wohl. (Foto: © privat)